Dresden – Leipziger Straße 78 – Eisenwarenhandlung Inh. Gert Krauße
Die Glocke über der Ladentür der Eisenwarenhandlung Krauße schellt noch genauso wie im Eröffnungsjahr 1937. Das kleine Geschäft mit seinen bis unter die Decke reichenden Regalen und Schubfächern und der knapp 2 Meter langen, heute quer stehenden Ladentafel, wird in zweiter Generation geführt.
Alfred Krauße gründete am 1. Januar 1937
das Familienunternehmen, mietete die Geschäftsräume an der Leipziger Straße 78, handelte mit Stahl- und Haushaltwaren. Damals ahnte er noch nicht, dass sein Existenzgründerglück nur von kurzer Dauer sein sollte. Am 1. Januar 1940 mußte er Soldat werden und den Laden schließen. Er kehrte zwar schon im Sommer 1946 aus Frankreich heim, war aber gesundheitlich schwer angeschlagen. Dennoch eröffnete er das Geschäft wieder. Das war völlig ausgeräumt, so dass er noch einmal bei Null beginnen mußte. Am 3 Mai 1947 verstarb Alfred Krauße. Sohn Gert, der heutige Inhaber, war da erst sieben Jahre alt. Mutter Charlotte, damals noch als Lehrerin tätig, gab das Geschäft jedoch nicht auf. In Herrn Strohbach fand sie einen erfahrenen Kaufmann und Händler, Abteilungsleiter in dem bekannten Geschäft Bargou & Söhne am Dresdner Postplatz, das ausgebombt war. Ihn setzte sie als Geschäftsführer ein und stand auch selbst bald mit im Laden. Langsam kam das Geschäft wieder in Gang. Man handelte zunächst mit den typischen Kleineisenwa-ren, die vom staatlichen Großhandel bezogen wurden und erweiterte später das Sortiment mit Steingutartikeln von Villeroy & Boch damit etwas mehr Geld in der Ladenkasse klingelte.
Als Sohn Gert 1955 Feinstmaschienenschlosser bei der bekannten Dresdner Firma Mikromat erfolgreich lernte, 1960 zur Deutschen Reichsbahn ging und hier zunächst als Lokschlosser arbeitete, war nicht abzusehen, dass er einmal die Geschäftsnachfolge antreten würde. Zumal er schon fest im Kalkül hatte, sich über die Station Heizer zum Dampflokführer ausbilden zu lassen. Während der 18monatigen Armeezeit von 1964 bis 1966 überholte die Zeit seine beruflichen Pläne. Am 1. Mai 1966 stand er als Angestellter im Geschäft der Mutter.
Dank seiner beruflichen Ausbildung hatte er keine Probleme, am 1. Januar 1973 das Geschäft von Mutter Charlotte zu übernehmen. Ihren HO-Kommissionsvertrag mußte er natürlich fortsetzen und auch den Verkaufsstellenleiterabschluss noch nachholen, so waren die Spielregeln zu DDR-Zeiten. Gert Krauße trennte sich vom Haushaltwarensortiment. Er konzentrierte sich nur noch auf Eisenwaren, Beschläge und Pumpen. Die heutige marktwirtschaftliche Gegenwart bescheinigt ihm, dass das eine kluge, überlebenswichtige Entscheidung war. Doch erst einmal mußte er gemeinsam mit Ehefrau Edeltraud bis zur politischen Wende mit den GHG-Zuteilungen zu recht kommen. Für seine Stammkunden hatte Gerd Krauße Wartelisten, damit diese irgend wann einmal in den Genuß einer Bohrmaschine, von Hartmetallbohrern oder diverser Schraubenschlüssel kamen. Bei Pumpen war es nicht anders.
Seit 1990 ist der rührige Eisenwarenhändler reiner privater Geschäftsinhaber. Die Anbieter gaben sich nun buchstäblich die Klinke in die Hand. Gert Krauße behielt dennoch die Übersicht, machte keine Schulden. Bei Pumpen und Zubehör hat er einen neuen Stammlieferanten. Den Service für ältere Modelle leistet er aber auch noch bewährt und kompetent und zum Kundenkreis gehören auch heute noch Stamm- und Laufkundschaft, Heimwerker und Gartenbesitzer. Sie alle bedient Gert Krauße nach der alten Volksweisheit, die sichtbar im Laden hängt: „Es ist edler, alter Brauch: Wo man sich beraten und bedienen läßt, dort kauft man auch!“
Einen familiären Geschäftsnachfolger wird es nicht geben, denn der Sohn ist beruflich anders invollviert. Ob die alten Ladenglocke folglich noch lange schellen wird, ist ungewiss. Eine Zwangspause mußte sie unabhängig davon im August 2002 für zwei Tage einlegen. Die Elbe stand vor den Ladenstufen. Das Lager im Hof und im Keller hatte Totalschaden, im Laden roch man zum Glück nur die braune Brühe. Am Montag, den 19. August öffnete Gert Krauße wieder.
Bild: Geschäftsgründer Alfred Krauße zu Ostern 1937 vor seiner Eisenwarenhandlung.
entnommen aus: “Geschäfte mit Geschichte – traditionsreiche Einzelhandelsunternehmen in Ostsachsen”, Herausgeber: Handelsverband Sachsen e.V., 2003


