Dresden – Bürgerstraße 40 – Inh. Hansjochen Langner
Im Haus Bürgerstraße 55, gegenüber der Markus-Kirche, öffnete am 1. Oktober 1894 Hedwig Langner ein kleines Spielwarengeschäft. Heute würden wir sie als Jungunternehmerin bezeichnen, war sie doch gerade erst 24 Jahre alt, als sie den Mut zur Existenzgründung hatte. Obwohl Hedwig hauptsächlich mit Spielzeug und Drogerieartikeln handelte, stand nicht von ungefähr „Puppen-Klinik“ über ihrem Laden. Aus ihrer Liebe, die kleinen und großen Wehwehchen der Puppen zu beheben, wurde berufliche Passion, weitergegeben von Generation zu Generation bis heute.
Hedwig Langner wurde eine erfolgreiche Einzelhändlerin. Ihr Geschäft florierte schnell. Die beiden Langner Kinder, Johanna und Rudolf, traten in die Fußstapfen der Mutter. Die Tochter entwickelte sich zu einer engagierten Geschäftsfrau an der Seite ihrer Mutter Hedwig. Diese konnte sich dadurch noch intensiver ihrer Puppenklinik widmen, hospitierte bei Herstellern und vertiefte ihr Wissen bei Friseuren. Der Sohn gründete im Jahre 1912 die Markus-Drogerie an der Oschatzer Straße, gleich um die Ecke. 1908 erwarben Hedwig Langner und Ehemann Richard das Haus Bürgerstraße 40. Die Familie zog samt Puppenklinik hier her, denn das erste Geschäft war zu klein geworden. Über viele Jahre ernährten die zwei Geschäfte die Familie, boten eine sichere Existenz.
Mitte der zwanziger Jahre erfolgte gleitend der Generationswechsel im Geschäft, Tochter Johanna wurde die neue Inhaberin. Mutter Hedwig blieb jedoch noch über mehrere Jahrzehnte der gute Geist an ihrer Seite.
Die Auswirkungen des 2. Weltkrieges trafen auch Langners. Johannas Sohn Rudolf Winkler kam erst Anfang der fünfziger Jahre aus russischer Kriegsgefangenschaft und die Markus-Drogerie von Bruder Rudolf lag 1945 in Schutt und Asche. Die Geschwister legten ihre Geschäfte zusammen. Die Geschäftsführung übernahm Johanna Winkler. Gemeinsam meisterten sie die Wirren der Nachkriegszeit und konnten den Familienbetrieb erhalten. Mittlerweile war die dritte Langner Generation herange-wachsen. Johannas Sohn Rudolf und seine Ehefrau Christa übernahmen 1950 die Geschicke des Geschäftes. Sie bauten es weiter aus, nahmen neue Spielwaren ins Sortiment und vergrößerten das Angebot. 1954 begingen die rührigen Kaufleute mit ihren Mitarbeitern das 60jährige Geschäftsjubiläum. Schwere Aufbaujahre lagen hinter ihnen und sie schauten stolz auf das Erreichte zurück. Der gute Ruf des Geschäftes hatte sich weit über die Stadtgrenze bis in die Region herumgesprochen. In der Werkstatt saß immer noch Johanna, die Tochter der Gründerin. Sie blieb bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 eine erfahrene und umsichtige Hilfe. Oft sahen ihr die Kinder bei der Arbeit zu und staunten, wie die Seniorchefin ihre Lieblinge wieder „gesund“ machte. Als die Kapazitäten der Geschäftsräume ausgereizt waren, zog die Drogerie 1961 wieder aus und Christa und Rudolf Winkler konnten noch einmal das Angebot erweitern.
1979 starb Ehemann Rudolf. Christa Winkler führte das Geschäft im Sinne ihres Mannes sechs Jahre allein weiter. 1985 begab sie sich in den verdienten Ruhestand, stand noch bis 1988 unterstützend zur Seite. Um das Weiterbestehnen des traditionellen Familienbetriebes brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, denn Neffe Hansjochen Langner und seine Frau Marianne übernahmen das Geschäft in vierter Generation. Nach Fachverkäufer-Qualifikation und Verkaufsstellenleiterabschluss erhielt Hans-jochen Langner den Gewerbeschein. 1989, noch vor der Wende, setzten die jungen Fachhändler einen ehrgeizigen Plan in die Tat um: Sie renovieren „Puppen-Langner“ von Grund auf, schufen moder-ne, helle Verkaufsräume mit neuen Regalwänden. Mit diesem frischen Outfit starteten Langners in die Marktwirtschaft. Sie wurden Mitglied der VEDES, bekamen vom größten Handelsunternehmen für Spiel und Freizeit in Europa gute Konditionen. Ihr Sortiment ist seitdem noch größer, attraktiver und vielfältiger. Die Verkaufsfläche war bald zu klein, so dass noch einmal expandiert werden mußte. Langners mieteten das Erdgeschoss des Nachbarhauses an und vergrößerten mittels eines Durchbruches ihre Verkaufsfläche. Der Renovierung und Erweiterung im Inneren, folgte die Erneuerung von Dach und Fassade. Im nahen Radebeul entstand eine Fachfiliale für Modellbau, die von Schwiegersohn Torsten Bayer bis 1998 geführt wurde. 1999 lagen zehn Jahre intensivster und engagierter Arbeit hinter Marianne und Hansjoachim Langner.
Heute muß sich Dresdens ältestes Spielwaren-Fachgeschäft gegen die Großanbieter behaupten, was sehr schwer ist. Ehefrau Marianne hat sich beruflich neu orientiert, steht nicht mehr im Geschäft. Als Halbtagskraft unterstützt Schwester Kristina ihren Bruder. Der will mit Sachverstand und Kompetenz, mit Preiswürdigkeit und Kundennähe nicht klein bei geben und die über hundertjährige Tradition von Puppen-Langner fortsetzen.
Bild: Bis Mitte der 50er Jahre teilten sich die Drogerie und das Spielwarengeschäft die Verkaufsfläche.
entnommen aus: “Geschäfte mit Geschichte – traditionsreiche Einzelhandelsunternehmen in Ostsachsen”, Herausgeber: Handelsverband Sachsen e.V., 2003